GETHSEMANEKIRCHE

Wieder im Licht

Die Gethsemanekirche hat in diesen Monaten gleich zweifach Anlass zum Feiern und Gedenken. Das Backsteingemäuer ist, nach fünf Jahren Bauzeit, saniert. Und 30 Jahre danach erinnert die Kirche an ihre Rolle in der Friedlichen Revolution der DDR.

Gerechtigkeit existiert, solange wir an sie glauben. Das Transparent am Zaun der wieder unverhüllten Gethsemanekirche verweist auf die tägliche Fürbitte für zu Unrecht Inhaftierte. Es verweist zugleich auf die jüngere Historie, die sich in diesen Monaten zum 30. Mal jährt. Mit Mahnwachen und Hungerstreik für politische Häftlinge hatten Menschen im Spätsommer und Herbst 1989 die friedliche Revolution in der DDR mit in Gang gesetzt. Die Nikolaikirche in Leipzig und die Gethsemanekirche in Berlin gelten seitdem als Symbole jener Bewegung, mit der die DDR-BürgerInnen den aufrechten Gang wagen – und die im Fall der Mauer zwischen Ost und West mündet. An diesen beiden Orten, und, weniger beachtet, im Umfeld der Kirchen und der Kunst im ganzen kleinen sozialistischen Land.

Gethesemanekirche Berlin Prenzlauer Berg
Die Außenhülle der Gethsemanekirche ist saniert, das feiert die Gemeinde am 14. September.

Bis zum Mauerfall

30 Jahre später sitzt Geschäftsführer Frank Esch im Gemeindebüro vis a vis des Hintereingangs der Kirche, will eigentlich über die zurückliegende Sanierung und die bevorstehenden Feierlichkeiten dazu berichten und sagt dann doch zunächst: „und hier, in diesem Büro, stand das Kontakttelefon.“ Das Kontakttelefon, mit dem sich die Oppositionellen im ganzen Land auf dem Laufenden halten, damals, in diesen so verheißenden und so gefährlichen Wochen, die Weltgeschichte begründen. Auf die Gethsemanekirche schaut die Weltöffentlichkeit in den Tagen um den 7. Oktober 1989. Mahnwachen und Fürbitten für zu Unrecht Inhaftierte finden unter dem Slogan „Wachet und betet“ seit Tagen statt. Immer mehr Menschen versammeln sich auch um die Kirche, die von brennenden Kerzen gesäumt ist. Am 7. und 8. Oktober greift die DDR-Polizei ein, verhaftet die friedlich Demonstrierenden. Muss sie dann nach Tagen des Protestes wieder freilassen. In Leipzig stellen sich am 9. Oktober 70.000 Demonstrierende gegen Polizei und Militär – und siegen friedlich. Besiegen eine Diktatur.

Die Wahrnehmung, dass jeder Mensch einen anderen Blick auf diese Wende-Zeit hat, und dass es für viele der Gethsemane-Aktiven damals nicht um den Fall der Mauer, sondern um eine freiere, gerechtere DDR ging, ist eine der ersten Erfahrungen, die Frank Esch macht, als er 2009 zur evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord stößt. Zu diesem Zeitpunkt, vor zehn Jahren, sind die Vorbereitungen für das 20. Jubiläum der Friedlichen Revolution bereits im Gang, und der Band „Wachet und betet“ erscheint. Er enthält die Stimmen und Erinnerungen der damals Aktiven und Beteiligten. Ein einzigartiges Geschichtsbuch, das teils minutiös die Ereignisse um die Gethsemanekirche schildert.

Gethsemanekirche Berlin Prenzlauer Berg
Überbleibsel der Geschichte: Backsteine der Kirche, die für einen Wiedereinbau zu marode sind.

Der Sanierungsfall

Nur kurze Zeit nach diesem Jubiläum purzeln Backsteine aus den Mauern der Kirche und es wird klar, dass dieses fast 130jährige Gebäude dringend der Sanierung bedarf. Damit es auch künftig weiter das sein kann, was es trotz Geschichte und Symbolik in erster Linie ist. Ein Gotteshaus, ein Haus für die Menschen der Kirchengemeinde und die, die hier Schutz, Ruhe, Einkehr suchen. Und Genuss – bei Kinoabenden, Dikussionsveranstaltungen, Lesungen und Konzerten.

Zunächst ist zu klären, wie marode die Kirche ist – und was es kostet, sie unter Denkmalaspekten wieder in Gang zu setzen. Dann sind 2,8 Millionen Euro zu organisieren. Aus dem Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ kommt die Hauptsumme, der Rest aus Spenden und kircheneigenen Mitteln. Ein Gerüst verdeckt das imposante rote Gemäuer und es wird nahezu fünf Jahre, bis zum Juli 2019 dort stehen. Die Sanierung beginnt, und die ist bei solch einem Solitär eine Entdeckung für alle Beteiligten: Die Gemeinde, den Architekten, die Baufirmen. Welche Backsteine, Ornamente, Zinnen, Rosetten können aufbereitet und wieder eingebaut werden? Was muss neu gebrannt werden? Wo fehlt Mörtel? Was ist noch fest? In rund 150 unterschiedlichen Formen und Größen brennen die Ziegelei-HandwerkerInnen unzählige Backsteine. Die Formen der Rosetten über dem Eingang werden zunächst auf Papier nachgezeichnet, damit sie dann originalgetreu geformt werden können. Stein für Stein erhält die Kirche wieder eine intakte Haut. Noch sind die neuen Backsteine heller als die alten und leuchten wie Pflaster. Doch schon bald wird sich auch ihre Oberfläche mit einer Patina der ihrer benachbarten Steine angepasst haben.

Gethsemanekirche Berlin Prenzlauer Berg
„Wachet und betet“ – ein ZeitzeugInnen-Buch erinnert an die Friedliche Revolution 1989, eine Veranstaltungsreihe lädt zu Gesprächen. Fotos (3): al

Eröffnung und Lichtergebet

Am 14. September würdigt die Gemeinde diese Leistung aller Beteiligten mit einem großen Fest, mit „Worten, Musik, einem Glas Sekt und vielen netten Gesprächen“, wie es im Einladungstext heißt. Nun sollen bald die weiteren notwendigen Arbeiten folgen: Die Sanierung der Treppen zur Kirche, der Innenraum.

Im Zeitraum von September bis November erinnern Gebete und Gespräche mit ZeitzeugInnen an den Herbst 1989. Hier treffen sich dann Vergangenheit und Gegenwart in persönlichen Erinnerungen, in Fragen und Begegnungen, u.a. mit Marianne Birthler oder Markus Meckel. Einer der Höhepunkte der Veranstaltungsreihe ist das Lichtergebet am 9. Oktober mit einer Lesung der Zeitzeugen-Berichte aus dem Band „Wachet und betet“. Einen historischen Auftrag, den die täglich Fürbittenden auch heute noch annehmen. Seit der Verhaftung des Menschenrechtlers Peter Steudtner am 5. Juli 2017 in der Türkei gibt es wieder diese regelmäßigen Fürbitten für zu Unrecht Inhaftierte. Auch nach dessen Freilassung lädt die Gethsemanekirche täglich dazu ein, mit dem Transparent an ihrem Zaun: „Gerechtigkeit existiert, solange wir daran glauben“.

-al-,  Sep. 2019