FIRMENGESCHICHTE PRENZLAUER BERG (4)

Drehorgelfabrik Bacigalupo

In dieser kleinen Reihe über bekannte Firmen in Prenzlauer Berg geht es heute um das Drehorgelimperium Bacigalupo.

 

Über die im Straßenjargon „Leierkästen“ genannten Apparate bzw. deren Besitzer witzelte der Berliner in seinem unübertroffenen Charme: „Det sind Leute, die ihr Jeld im Handumdrehen verdienen!“

Tatsächlich verbargen sich dahinter aber harte Arbeit und oft ein schlimmes Schicksal. Viele, vor allem Männer, waren „Kriegsversehrte“, Bettler oder Menschen, die keinen Job mehr in einer Fabrik der AEG, Osram oder Siemens bekamen und die sich somit irgendwie anders durch das Leben schlagen mussten, denn eine Arbeitslosenversicherung oder ein Arbeitslosengeld II wie heute, gab es damals noch nicht.

Storkower Prenzlauer Berg
Ein echter Fan der Drehorgeln von Bacigalupo spendete diese Gedenktafel in der Schönhauser Allee 74a

In diesen frühen Zeiten, in denen es noch nicht einmal Radio gab, war der Leierkastenmann oft die einzige Unterhaltung, die einzige Abwechslung auf den muffigen Hinterhöfen, die es für Mütter mit ihren vielen Kindern oder für die Dienstboten, die hier ihr trauriges Dasein fristeten, gab. Die Leierkästenmänner „bespielten“ im Wortsinne jeden Hinterhof. Die Zuhörer öffneten die Fenster, beugten sich hinaus und warfen, oft in einen Fetzen Zeitungspapier gewickelt, ein paar der ohnehin schon raren Pfennige, manchmal war da sogar ein „Sechser“ oder sehr großzügig ein „Groschen“ dabei, aus dem Fenster und auf dem Hof klaubte der „Assistent“ des Drehorgelspieler, oft ein angeleinter Rhesusaffe, ein halb verhungertes Kleinkind oder eine genau so magere Frau dieses Geld auf. Ich hab diese Szenen selbst noch so erlebt!

 

Von 1873 an baute die italienische Familie Bacigalupo in Prenzlauer Berg ihre später weltbekannten Drehorgeln, die bis nach Amerika oder Australien exportiert wurden. Mit dem Tod von Giovanni Battista Bacigalupo am 25. Juli 1978 fand hier diese Tradition ein Ende, weil sich kein Nachfolger für ihn fand.

Oft waren die „Leierkästenmänner“ finanziell so schlecht bemittelt, dass sie ihre Instrumente von der Firma, heute würde man sagen „leasten“, also mieteten.

Drehorgeln funktionieren meist, im Gegensatz zu Spieluhren mit ihren genoppten Walzen, mit einem breiten Lochstreifen. Da im Allgemeinen aus Platzgründen nicht mehr als acht Musiktitel mitgenommen wurden und die Pappstreifen obendrein auch mit der Zeit verschlissen, wurden die Streifen gegen ein geringes Entgelt regelmäßig durch Bacigalupo erneuert bzw. gegen neue „Hits“ ausgetauscht.

Die Berliner Kodderschnauze dichtete derart verbreitete Operettenhits reihenweise um. So wurde beispielsweise aus „Heiraten, heiraten“ aus „Gasparone“ von 1884 „Muttern der Mann mit dem Koks ist da“ und aus Franz Meißners „Rheinländer“ von 1892 wurde „Wir versaufen unsrer Oma ihr Kleinhäuschen“.

Zeitung Prenzlauer Berg Magazin
Blick ins Blasewerk der original Bacigalupo Drehorgel. Zu sehen ist sie im Hotel Kastanienhof, Kastanienallee 65. Fotos (2): R. Gänsrich

Durch die Handkurbel der Drehorgel wurde aber nicht nur der Lochstreifen transportiert, viel wichtiger war damit die gleichzeitige Betätigung der Blasebälger für die Orgelpfeifen, deren Anzahl zwischen zwölf und fünfundvierzig variierte.

Auf dem Gebiet des Prenzlauer Berg leben schon seit langem, spätestens seit der Reichsgründung 1871, Italiener. Laut aktuellen Zahlen vom statistischen Landesamt (Stand: 13.03.2017) hatte der Prenzlauer Berg am 31.12.2016 insgesamt 160.127 Einwohner. Am 31.12.2016 lebten auch 28.167 Italiener in Berlin, davon nur 2.190 im Bezirk Pankow. Die größte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund bilden bei uns heute Franzosen, gefolgt von Italienern, Amerikanern, Briten, Spaniern und Dänen (Türken: 0,3 Prozent).

Giovanni Battista Bacigalupo wanderte 1873 nach Berlin ein und wurde zunächst Teilhaber der Firma „Frati & Co.“ in der Buchholzer Str. 1, bevor er ab 1891 mit seinen Nachkommen und neuen unterschiedlichen Teilhabern gleich mehrere Drehorgelfirmen betrieb, die alle zwischen der Schönhauser und der Pappelallee angesiedelt waren. Am ehemaligen Standort Schönhauser Allee 78 / 79 steht heute das Einkaufszentrum. An der Schönhauser Allee 74 a ist eine Gedenktafel für Bacigalupo angebracht. In welchem der Hausflügel sich die Drehorgelfabrik befand, ist nach meiner Befragung vor Ort, den Mietern des Hauses selbst nicht klar, da sich auf dem Gelände damals zeitgleich die „Cigarettenfabrik Diwanow“ befand. Deren Schriftzug ist am Hinterhaus vor ein paar Jahren wieder sichtbar gemacht worden und vom Ringbahnhof aus erkennbar. Übrigens Bertolt Brecht und Kurt Weill ließen sich von Bacigalupo dahin gehend beraten, wie sie ihre Musik drehorgelgerecht komponieren könnten. Man kann also sagen, die „Dreigroschenoper“ ist nicht nur für die Bühne, sondern auch für Leierkästen komponiert.

Rolf Gänsrich, April 2017